Deniz Hasenöhrl im MuniqueART Interview

Wir freuen uns auf das heutige Interview mit der Malerin Deniz Hasenöhrl.
Deniz, seit 2014 arbeiten wir zusammen und haben eine Vielzahl erfolgreicher Ausstellungen und Messebesuche gemeinsam erlebt. Wir möchten unseren Lesern, Sammlern und Freunden der Galerie gerne einen kleinen Einblick in Dein aktuelles Leben gewähren und dabei auch auf die jüngsten Einschränkungen durch COVID-19 eingehen. Schön, dass Du Zeit dafür hast.

Du bist vor einem Jahr nach Berlin gezogen. Wie Du selbst sagst, bist Du eine Künstlerin, die gesellschaftliche Themen in ihre Werke miteinbezieht. Inwiefern hat dieser Standort- und Gesellschaftswechsel Dein künstlerisches Schaffen beeinflusst?

Ja, ich beschäftige mich sehr mit gesellschaftlichen Strukturen und ihren psychologischen Auswirkungen auf den Menschen. Identität und woraus sich Menschen diese ziehen, ist ein Thema, mit dem ich mich seit meiner frühesten Jugend beschäftige. Ich selbst habe mich in meiner Kindheit und Jugend oft entwurzelt gefühlt und lange versucht diese z.B. in anderen Ländern oder auch in Beziehungen zu finden. Irgendwann habe ich erkannt, dass tiefe Verbindungen zu Menschen und kultureller Austausch eine große Hilfe auf dem Weg waren ein Gefühl von Verwurzelung zu entwickeln. Gerade aber die Vielfalt an Erfahrungen selbst war es, die dieses Gefühl über Jahre in mir hat wachsen lassen. Es war nicht an einem bestimmten Ort, in einem Glauben oder bei einem bestimmten Menschen festzumachen. 

2018 habe ich mich von zwei lieben Freunden dazu überreden lassen, einen Monat bei ihnen in Berlin zu verbringen (Wie dankbar ich ihnen bin!). In diesem Monat habe ich etwas erlebt, dass ich bisher so nicht kannte. Es war die Vielfalt an Kulturen, Mentalitäten und Gesellschaftsschichten, geballt mit der Geschichte Berlins selbst, die mich zutiefst berührt und inspiriert haben. Die Verschmelzung dieser Vielfalt der so differenten Stadtteile aus denen Berlin zusammengesetzt ist, das Pulsieren dieser Stadt mit ihren unterschiedlichsten Gestalten -– all das fühlte sich für mich an, als würde jedes der Puzzleteile in mir, die ich im Laufe meines Lebens Stück für Stück zusammengesetzt habe, in dieser Stadt gespiegelt werden. Das hat mir ein Gefühl gegeben, was viele „Zuhause“ nennen würden. Daraufhin habe ich beschlossen herzuziehen, in meine neue und vielleicht erste wirkliche Heimat. 

In meinem künstlerischen Schaffen beeinflusst mich die Stadt insofern, als dass eine neue Serie an Bildern entsteht, in der ich Techniken, die ich vorher meist getrennt voneinander genutzt habe, auf einmal verbinden kann und mich dadurch beim Malen noch freier fühle: BERLIN SYNERGIES.

Was waren Deine letzten Ausstellungen? Welche Arbeiten hast Du dort präsentiert?

Die Ausstellung ROOTLESS in der Galerie Kunstreich in Kempten im Frühjahr 2019 war die bisher größte und wichtigste Einzelausstellung. Ich habe Werke aus den letzten 12 Jahren präsentiert. Es folgte die selbstorganisierte Einzelausstellung CROSSROAD im Herbst 2019 in Berlin. Dort habe ich einige Bilder der Serie SPACES und der in Berlin neu begonnenen Serie BERLIN SYNERGIES gezeigt. Auf der Affordable Art Fair 2019 in Hamburg wurden einige Werke von der Loft 11 Gallery präsentiert. Diese Woche wäre ich eigentlich in Brüssel auf der Affordable Art Fair, um dort auszustellen und zu verkaufen. 

Erzähle uns ein bisschen mehr über Deine Ausstellungen. Was bedeuten sie Dir?

ROOTLESS (wurzellos), meine bis jetzt größte Einzelausstellung, wurde in Kempten präsentiert, wo ich meine Jugend verbrachte. Da das Gefühl der Wurzellosigkeit in meiner Jugend sehr stark war, hat sich mit der Ausstellung an diesem Ort symbolisch ein Kreis in meinem Leben geschlossen. In der Ausstellung habe ich multimediale Werke aus verschiedenen Schaffensphasen der letzten 12 Jahre gezeigt, verschiedene Bilder, die Installation FENCES, das Video Past’s Dust und auch einige Skulpturen und Radierungen. Alles Werke, in denen ich mich auf verschiedenste Art und Weise mit dem Thema Identität auseinandergesetzt habe. Mit der Ausstellung ROOTLESS habe ich nach 22 Jahren Frieden geschlossen, mit meiner Kindheit und Jugend – und auch mit Kempten.

Die Ausstellung CROSSROAD im Coworking Space DOT in Berlin Kreuzberg stand für mich symbolisch für den Beginn einer neuen Lebensphase. Auf der Eröffnung wie auch auf der Finissage waren über 100 Besucher – viele Freunde und neue Bekannte aber auch Besucher, die zufällig hereingeschneit sind. Die Rückmeldung zu meinen Bildern war toll und die Ausstellung auch finanziell erfolgreich. Doch was hinzukam und wirklich ganz besonders und faszinierend für mich war, war, dass viele Menschen sich dort zum ersten Mal begegnet sind und Einige bis heute noch Kontakt haben. Die Stimmung war sehr vertraut und fast familiär, obwohl sich untereinander eigentlich Wenige vorher kannten. Sowohl Vernissage als auch Finissage war ein wunderschönes Zusammentreffen von unterschiedlichsten Menschen und ging bis in die Morgenstunden. Nach dieser Ausstellung fühlte ich mich angekommen in Berlin.

Mitte des Monats wurde das neue Corona Virus auch in Deutschland zur akuten Bedrohung, was durch das Verbot von Kulturveranstaltungen die Kunstwelt mit am heftigsten trifft. Wie stark hast Du diesen unerwarteten Einbruch als Künstlerin empfunden und wie hat COVID-19 Deine Pläne durchkreuzt? 

Ich wäre diese Woche ja eigentlich in Brüssel auf der Affordable Art Fair Aussteller gewesen. Zudem musste das Projekt SIGNATURE ROOM im Hotel Weinmeister in Berlin vorläufig auf Eis gelegt werden. Ich hätte am 29. März begonnen, Zimmer 401 zu gestalten, worauf ich mich schon sehr gefreut habe. Am 2. Mai wäre die Eröffnung. Alles potenzielle Möglichkeiten zu verkaufen und meine Arbeiten zu präsentieren. Natürlich trifft mich die aktuelle Situation existenziell genauso, wie viele andere Künstler und Freiberufler. Vor allem, weil gerade bei uns selten Reserven für Zeiten ohne Aufträge oder kulturelle Veranstaltungen vorhanden sind. Dennoch gibt es viele Menschen, die existenziell noch mehr unter Corona zu leiden haben, wie z.B. Obdachlose, alte Menschen ohne Familie, die schon vorher an der Armutsgrenze lebten oder Flüchtlinge, die in ihren Camps ohne hygienische Versorgungsmittel gefangen sind. Es trifft uns alle auf verschiedene Art und Weise.

Nun ist es das Wichtigste, Solidarität zu zeigen und sich gegenseitig zu unterstützen. Jeder kann helfen. Der Eine mit Geld, der Andere, indem er betroffenen Menschen seine Hilfe anbietet, z. B. für sie einkaufen zu gehen und indem er beim Einkaufen nicht nur an sich, sondern auch an die ärmeren Menschen unserer Gesellschaft denkt, anstatt zu hamstern. Gerade sie sind nun noch mehr als vorher auf günstige Nahrungsmittel angewiesen, weil sie sich nichts anderes leisten können. Auch telefonische Kontaktmöglichkeiten für alleinstehende Menschen im Haus könnte man anbieten, wie z.B. die von Silbernetz. Wenn das viele machen, können wir gemeinsam der Vereinsamung betroffener Menschen in den kommenden Monaten vorbeugen. Obdachlosen mal etwas zum Essen aus dem Fenster reichen. Es gibt viele Möglichkeiten, Solidarität zu zeigen.

Die Wichtigste von allen ist momentan „Social Distancing“ und sich auch wirklich daran zu halten, was aber bedeutet, sich über andere Wege trotzdem näher kommen zu können – vielleicht sogar näher als vorher.

Siehst Du auch Chancen in der derzeitigen Situation? Und nutzt Du momentan andere Wege, Deine Kunst zu zeigen und zu verkaufen? 

Die momentane Situation zwingt uns gerade, auf alltägliche Dinge zu verzichten und mehr Verantwortung für unsere Umwelt zu übernehmen. Sie konfrontiert uns knallhart mit unserer Fragilität als Mensch und bringt uns damit automatisch dem Wesentlichen näher. So beunruhigend und erschreckend diese Pandemie für uns ist, und das ist sie für uns alle auf der Welt, wir sitzen alle im selben Boot. Genau darin sehe ich auch wieder eine Chance. Dass dadurch ein größeres Kollektivbewusstsein entstehen könnte und Werte wie Solidarität und Gemeinschaftssinn wieder einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft bekommen. Ich kann mir vorstellen, dass in den kommenden Monaten viele neue Ideen und Projekte entstehen werden, gerade im sozialen und künstlerischen Bereich. Durch die plötzliche Entschleunigung des Alltags entsteht ein ganz neuer Raum in jedem von uns, mit vielen Türen, die nur darauf warten, geöffnet zu werden. 

Ich werde in den kommenden Monaten wieder mehr digitale Wege nutzen, um meine Kunst zu zeigen, und im besten Falle auch zu verkaufen. Online-Galerien, Website, Facebook und Instagram. Und vor allem werde ich die Zeit jetzt nutzen, neue Bilder zu malen und Ideen auszuarbeiten, die ich hoffentlich in einigen Monaten dann auch an öffentlichen Plätzen präsentieren kann.

Vielen Dank, Deniz, für dieses sehr offene und positive Gespräch. Wir haben Dich wie immer als Optimistin erlebt und freuen uns weiterhin, mit Dir zusammen zu arbeiten. Hier geht es zum Künstlerprofil.

Im April 2020 kann das Werk „Mr Oryx“ (2015, 100×100 cm, Acryl auf Leinwand) aus der Serie SPACES von Deniz Hasenöhrl, zu besonderen Konditionen über die MuniqueART Collection erworben werden. Mit ihrem Kauf eines Originalkunstwerkes unterstützen Sie unmittelbar die Künstler und Kulturschaffenden, deren Einnahmemöglichkeiten aufgrund der starken gesellschaftlichen Einschränkungen durch COVID19 fast gänzlich zum Erliegen gekommen sind.

Wir danken allen Lesern für ihr Interesse! Teilen Sie dieses Interview gerne und unterstützen Sie die Künstler, indem Sie Ihre Wände mit Originalen behängen.

Das Interview wurde am 20. März 2020 von Simone Schmitt-Schillig und Lina Rieder geführt.